Von Marielouise Scharf  |  18.08.2008  | Netzcode: 1503563
Amberg

"Alles das und mehr"

Konstantin Wecker begeistert beim Sommerfestival im Hof der Amberger Stadtbibliothek

Das Sommerfestival im Innenhof der
Das Sommerfestival im Innenhof der Stadtbibliothek ging am Donnerstagabend mit Konstantin Wecker zu Ende. Bild: Hartl
In allem ist es zu spüren, was Konstantin Wecker ausmacht - diese hemmungslose Emotionalität: "Heute nehm ich mir das Leben - um es nie mehr zu verlier'n!" Beim Sommerfestival im Innenhof der Amberger Stadtbibliothek blätterte der vielseitige Künstler mit einem "Best of" durch die Jahre: beginnend bei den "sadopoetischen Gesängen des Konstantin Amadeus Wecker" (1973) landete er schließlich bei seiner Autobiografie "Die Kunst des Scheiterns". Immerhin gibt es mittlerweile das "100 plus" zu feiern: Über 60 Lebens- und 40 Bühnenjahre.

Und Konstantin Wecker kokettiert mit seinen Erfahrungen, seinem Alter, seinen Erfolgen und Niederlagen. In lässig aufgestülpter Cargohose, dunkler Jacke über rotem Hemd, später im Trecking-Anorak, turnt er durchs Dickicht seines Lebens. Mal greift er zur Brille, dann legt es sie wieder ab. Mal wendet er sich den Senioren mit Nordic-Walking-Stöcken zu und gesteht dann wieder frühere Schwierigkeiten am Zoll.

Im Mittelpunkt stehen aber immer seine Balladen und die Zuhörer. "Ich lieb' mein Publikum!" sagt er. "Das ist intelligent, denn es mag ja meine Lieder..." Die präsentiert er mit unglaublicher Hingabe und Energie. Dazwischen pflückt er immer wieder mal so kleine, manchmal stachlige, aber auch duftende Erinnerungen am Wegrand. Von seinen ersten Erfolgen als Straßensänger in Venedig erzählt er. Damals begeisterte er vorwiegend Amerikanerinnen mit deutschen Volksliedern. Rinnsteinpoet wollte er werden und war doch im ersten Beruf "Opernsänger".

Aber eigentlich geht es ihm um mehr. Er hat eine Botschaft und die verkündet der bekennende 68er mit Liedern wie "Der alte Kaiser" oder "Es herrscht wieder Frieden im Land". Wecker lacht "Wenn die Börsianer tanzen" und betont "Es geht ums Tun, nicht ums Siegen!" Schließlich stellt er fest: "I werd oid."

Mit ihm gealtert ist auch ein Teil seines Publikums, wie man im ausverkauften Rund erkennen kann. Unerschrocken singt er am Flügel und Mikrofon gegen die Mächtigen und die Machtverhältnisse in der Welt an. Er mischt sich ein und fordert seine Zuhörer dazu auf "Sage nein!"

Die aber sagen ja zu ihm! Sie mögen den Poeten, Entertainer, Sänger, Komponisten, Autor und Schauspieler, schätzen die direkten Worte und die diskrete Poesie, die weitgreifenden Griffe in die Tasten und die kurzen Wege zwischen Herz und Verstand. Weckers unerschöpfliche Poesie malt ungewöhnliche Bilder. Aus genialer Musikalität und perfekter Spieltechnik erwachsen kraftvolle Tongebilde. Ist er Literat? Ist er Musiker? Jedenfalls vermag er es, über den Deckel des Flügels hinauszuschauen und sein Publikum zu begeistern.

Mit variabler Stimme stemmt er sich gegen gesellschaftliche Schieflagen, ruft Senioren zur Revolte auf, reißt nicht nur im "Waffenhändler-Tango" Fassaden ein, sondern baut auch Gefühle auf: "Ohne dich kann ich nicht leben und mit dir kann ich nicht sein!". So nah erlebt, gewinnt seine Poesie noch an Gewicht.

Wecker gibt sich kraftstrotzend, haut in die Tasten und ist nach etlichen Zugaben ganz schön ausgepowert. "Genug ist nicht genug" heißt eines seiner Lieder. Aber irgendwann ist es eben doch genug! Auch für diesen manchmal lauten, mal leisen Mann am Klavier, der mit begeistertem Beifall verabschiedet wird!


Kommentare
Ihre Kommentare werden veröffentlicht in Kooperation mit der best webnews GmbH, Köln.
Heute

Sulzbach-Rosenberg

Beeindruckende Eleven des Star-Tenors

Professor Siegfried Jerusalem stellt seine besten Studenten im Kammermusikkreis der VHS vot

Siegfried Jerusalem, einer der besten Wagner-Tenöre der letzten Jahrzehnte ist heute Präsident der Nürnberger Hochschule für Musik. Am Mittwochabend gastierte er bei der sehr gut besuchten mehr...

München

"Der weite Blick" in die Seele der Landschaft

Neue Pinakothek zeigt in Zusammenarbeit mit dem Rijksmuseum Amsterdam eine Ausstellung zur Haager Schule - Leihgaben aus Holland

Vor gut Hundert Jahren schrieb Max Liebermann: "Als die Holländer 1899 zum ersten Mal im Münchner Glaspalast auftraten, erregten sie ungeheures Aufsehen wegen ihrer frappierenden malerischen Kultur." mehr...

Einer der meistgelesenen Artikel von heute! Regensburg

Furchtloser Parforceritt durch den Oktaven-Donner

Die chinesische Pianistin Yuja Wang und Belgiens Nationalorchester zu Gast im Regensburger Audimax

"Ich strenge mein Gehirn an, Klavier-Passagen auszudenken." Da hat er sich ins mächtig ins Zeug gelegt, der Herr Peter Iljitsch Tschaikowsky. Sein Klavierkonzert Nr. 1 gehört zu den großen Reißern im mehr...

Windischeschenbach

Gesprächig und spannend statt stumm und langweilig

Künstler Christian Sedell präsentiert sein Buch "Sprechen mit Steinen" im Geo-Zentrum an der KTB - Ausstellung bis Januar zu sehen

Arm ist die Nordoberpfalz schon immer gewesen, aber auch schon immer steinreich. Mit den Megalithen, den zahlreichen Steinmonumenten der Region, hat sich der Bildhauer, Grafiker, Autor und Fotograph mehr...
Gestern
Zum Artikel: Beeindruckende Eleven des Star-Tenors

Sulzbach-Rosenberg

Beeindruckende Eleven des Star-Tenors

Professor Siegfried Jerusalem stellt seine besten Studenten im Kammermusikkreis der VHS vot

Siegfried Jerusalem, einer der besten Wagner-Tenöre der letzten Jahrzehnte ist heute Präsident der Nürnberger Hochschule für Musik. Am Mittwochabend gastierte er bei der sehr gut besuchten mehr...
Zum Artikel: "Der weite Blick" in die Seele der Landschaft

München

"Der weite Blick" in die Seele der Landschaft

Neue Pinakothek zeigt in Zusammenarbeit mit dem Rijksmuseum Amsterdam eine Ausstellung zur Haager Schule - Leihgaben aus Holland

Vor gut Hundert Jahren schrieb Max Liebermann: "Als die Holländer 1899 zum ersten Mal im Münchner Glaspalast auftraten, erregten sie ungeheures Aufsehen wegen ihrer frappierenden malerischen Kultur." Die Rede ist von den Malern der sogenannten "Haager Schule", deren Namen der Kunstkritiker Jakob van Santen Kolff 1875 erfunden hat. Die zu dieser Gruppierung gehörenden Künstler, die vor allem von Camille Corot und der Schule von Barbizon beeinflusst waren, verstanden sich als Gegengewicht zu den pittoresken Landschaftsmalern der Spätromantik. mehr...

Sammlung Stoffel in der Pinakothek

Die Pinakothek der Moderne zeigt außerdem zum ersten Mal gut 120 Werke der Gegenwartskunst aus der 2006 erworbenen Kölner Sammlung Stoffel. "Passioniert provokativ" nennt sich die Schau bis zum 1. März 2009 mit Gemälden und Installationen von Künstlern wie Jörg Immendorff, Markus Lüpertz, Rosemarie Trockel oder Mike Kelley. mehr...

München

Absurde Bilder und schräge Dialoge

Absonderlichste Stimme unter Bayerns Künstlern: Autor und Regisseur Herbert Achternbusch wird 70

Achternbusch? Schon der Name klingt seltsam, und so sind auch seine Bücher und seine Filme: seltsam. Zwar setzt sich Herbert Achternbusch so intensiv wie kaum ein anderer mit den Bayern auseinander, mehr...

München

"Das ist unmöglich"

BR-Chefdirigent kritisch: Spitzenorchester hat keinen eigenen Konzertsaal

(dpa/üd) Einen eigenen Münchner Konzertsaal für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks hat Chefdirigent Mariss Jansons anlässlich der Wahl des Orchesters unter die zehn besten Klangkörper mehr...