Von Jürgen Herda  |  14.01.2006  | Netzcode: 10817096
Amberg

Alte Kleider suchen neue Träger

Kleidersammlung des Roten Kreuzes: Im BRK-Zentrum trennen fleißige Helferinnen Tragbares von Müll

Amberg. Den meisten wird's Jacke wie Hose sein, wo ihre Kleiderspende landet - Hauptsache, mal wieder ausgemistet. Der eine oder die andere mag sich aber schon fragen, wer den knapp gewordenen Gucci-Anzug oder das verblasste Sommerkleid aufträgt. Wir haben ein wenig in den Containern des Roten Kreuzes und Malteser-Hilfsdienstes gewühlt und festgestellt: Vom Sozialhilfeempfänger in Amberg bis zur Marktfrau in Tansania ist alles möglich.

Zwei Damen, die es ganz genau wissen, sortieren im Souterrain des Roten-Kreuz-Gebäudes gerade eine Plastiktüte voll mit alten Klamotten aus: "Das ist zum Beispiel noch eine schöne Damenhose", freut sich Elisabeth Vettari, seit 1950 ehrenamtliche Helferin des Roten Kreuzes, "die bringt noch drei Euro." Auch am eben raus geangelten Pullover gibt's nichts zu meckern.

"Der geht", meint Magdalena Groher, Urgestein der Hilfsorganisation, fachkundig und legt ihn aufs Häufchen für den vorderen Ausstellungsraum. Das ist beileibe nicht immer so. Zumal die beiden Testerinnen ihre Schätze mit kritischen Blicken prüfen: "Nur ganz einwandfreie Sachen kommen vorne hin. Alles, was zwar noch in Ordnung ist, aber schon etwas abgetragen, nach hinten zur 50-Cent-Ware."

Immer mehr Müll



Auf rund zwei Drittel schätzt Vettari den nicht verwertbaren Anteil: "Das sind dreckige oder kaputte Kleidung, Schuhe, Geräte, Spielzeug - inzwischen laden leider auch immer mehr Leute ihren Müll bei uns ab, um die Deponiekosten zu sparen", schüttelt sie mit Blick auf die Tag und Nacht offene Luke, durch die die Säcke jederzeit in den Vorraum geworfen werden können, den Kopf.

Ein schiefer Turm voller Plastiksäcke und Unrat hat sich hier immer wieder bis Montag aufgestaut, wenn die Frauen sich ans Selektieren machen. "Man merkt,, dass das Geld knapper geworden ist, die Leute geben nicht mehr so gerne ihre guten Sachen weg." Außerdem habe man inzwischen auch gehörige Konkurrenz bekommen: "Als wir im Februar 1981 den ersten Flohmarkt abhielten, waren wir die einzigen in der Stadt - heute hat fast jede Pfarrei ihren eigenen."

Zweimal im Monat, jeden zweiten und vierten Donnerstag, drängen sich zwischen dreiviertel zehn und ein Uhr mehr als hundert Schnäppchenjäger, um beim Flohmarkt ein günstiges Teil zu ergattern. "Das Publikum ist bunt gemischt", sagt Vettari, "das sind nicht nur Arme." Schließlich gibt es hier am Amselweg nicht nur Halbseidenes zu kaufen. "Großeltern holen sich schon gerne mal einen Kinderwagen, damit sie einen eigenen haben, wenn das Enkelchen zu Besuch ist", weiß Groher. "Und für unsere vielen Bücher haben wir regelrecht Stammkunden."

Die Bedürftigsten unter der Rot-Kreuz-Kundschaft dürfen sich jeden dritten Mittwoch gegen Vorlage eines Scheines kostenfrei mit dem Nötigsten eindecken: "Es sind weniger geworden", meint Groher, wohl auch deswegen, weil viele ehemalige Sozialhilfeempfänger zu Hartz IV zwangsversetzt wurden - ohne Schein kein geldloser Einkaufsbummel. "Heute sind es fast nur noch Asylanten, die sich hier eindecken. Vielleicht sieben, acht Besucher pro Mittwoch, früher waren das eher 20."



Daran, dass sich der Marken-Virus auch bei armen Familien ausgebreitet haben könnte, glauben die beiden Ehrenmitarbeiterinnen nicht: "Das war noch nie ein Thema hier bei uns und außerdem sind da auch gute Marken darunter." Die Kleiderberge, die sich aktuell im Verkaufsraum auftürmen, sind nach Schätzung des Duos in zwei Monaten abverkauft.

Was mit dem Geld genau geschieht, über das sie sorgfältig Buch führen und dann der Geschäftsstelle übergeben, wissen die beiden selbst nicht so genau: "Nur, dass es für soziale Zwecke verwendet wird."